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Sonntag, 22. März 2015

Streckenvortrieb


Auf der Grube ging nun immer alles seinen Gang.
Ich war kaum zu Hause.
Nahm alle Schichten mit.
Wechselte auch schon mal den Einsatzort.

Die Regierung erkannte langsam, das das wichtigste was sie brauchte, Steinkohle war. 
Um nun mehr Arbeitskräfte an zu locken, aber auch den Untertage Leuten was zu essen zu geben, gab es IK Punkte.
Gute Idee, nur leider in der Ausführung, für mich, Scheisse.
Warum? Ich hing wieder einmal am Tropf der Einheimischen.

Die Menge der Punkte richtete sich nach dem Bruttolohn.
Dann kam irgend eine Lieferung von den Besatzungsmächten.
Mehl, Kaffee, Speck, Butter, Büchsenmilch, Tomatensuppe, Fertiggerichte, eben alles das, was da irgendwo aus Truppenbeständen übrig war.

Der Betriebsrat teilte dann den jeweiligen Dingen eine bestimmte Punktzahl zu.
Das hiess also mal als Beispiel:
Für je 10,00 Mark Bruttolohn, 1 Punkt.
Eine Büchse Speck hatte dann vielleicht 5 Punkte, 
1 Büchse Fertiggericht vielleicht 2 Punkte usw.

Bis hierher war es ja noch klar, nur wenn es zur Ausgabe kam, bekamen die Einheimischen, meinetwegen sagen wir mal, auf Grund ihrer Punktzahl:
 5 Büchsen Speck, 3 Dosen Büchsenmilch usw.

Ich, als einer wenigen Fremden bakam dann, gemäss meiner Punktzahl:
1 Büchse Marmelade, 1 Büchse Fertiggericht und 10 Pakete Gewürze.
Diese Spiel ging über Jahre.
Da bekam ich schon einen Vorgeschmack über die Arbeit eines Betriebsrates und seiner Unvoreingenommenheit.

Die einzige Gerechtigkeit lag in der Vergabe der Care Pakete. 
Hier spielte "Punkte Jupp" seine Rolle.
Da bekam jeder Mann das Gleiche , wenigsten dachte man, obwohl es auch da wieder gewaltige Unterschiede gab.
Die aber waren erst mal nur sekundär da hier nicht so offensichtlich beschissen wurde.

Der 5.8.1948 war der Tag meiner Hauerprüfung.
An dieser schloss sich naturgemäss eine Feier an.
Diese fand immer Alsdorfer Kasino statt.
Das hiess also in diesem Fall.
Ca. 20 Bergleute plus ihren Frauen oder Freundinnen.
Dazu die ganzen Steiger, Fahrsteiger, Obersteiger und wer weiss was für Leute.
Immerhin waren immer viel mehr Gäste da, als neue Hauer.
Im Prinzip war das uns ja egal, da es immer einen Zuschuss von Seiten des EBV gab.
Und genau deshalb waren ja  auch die vielenGäste vorhanden.
Es artete immer in einem riesigen Besöffnis aus.
Steiger prügelten sich bei unserer Feier bis das der Obersteiger eingriff. 
(Steiger Braun aus Warden)
Das war aber immer so und Tradition.

Hier wurde die Losung in die Tat umgesetzt:
"Des Bergmanns Glück und Sonnenschein, ist Poppen und besoffen sein"

Ich war nun auch ein Hauer mit 10/10 Lohn,
Anfang Januar 1950 wurde ich auch noch Ortsältester in der Vorrichtung.
Immerhin war ich ja erst kanpp 2 1/2 Jahre untertage.

Um das nun zu krönen, legte ich am 11.3.1950 meine Schiesshauerprüfung ab.
Damit war ich der jüngste Schiesshauer im Oberbergamt Bonn (oder Deutschland sogar?)

Bekam nun meine 3-4 Mannen.
Natürlich einen "Imi" und 2 Jugoslawen.
Wer von den Einheimischen wollte schon auf das Drittel eines "Freemen?
War mir aber mehr als recht.

Auch das ging mir so am Asch vorbei:
Wir waren hungrig.

Meine Mannen und auch ich.
Wir wollten Geld verdienen.
Und das taten wir auch. 
Wir bekamen nichts geschenkt.
Auch die anderen Drittel waren ähnlich besetzt.

Und so waren wir immer eine gesuchte Mannschaft im Strecken auffahren.
Hatten auch Vorteile.
Fahrsteiger "Mommertz" war mein Boss.
Wenn wir sagten, da und da muss ein neuer Antrieb her oder wir brauchen anderes Material, das kam. 
Und zwar pronto!
Und wir brachten Leistung.
Unsere 4/3 Belegschaft fuhr dann eines Tage einmal die grösste Streckenauffahrleistung in der Geschichte des EBV auf.

Das wir uns dabei selbst immer wieder in den Asch bissen, kam erst viel später auf.
Wenn man jung ist, ist man noch stolz.
Merkt gar nicht das andere profitieren und man selbst ausgelacht wurde.

Beispiel.
Durchschnitttslohn allgemein : 15,00 DM
Wir bekamen für den meter Strecke 180,00 DM
Wir verdienten, auf Grund unserer Leistung, sagen wir mal 22,00DM die Schicht.
Das war Spitze!

Wurde auch ausgezahlt.
Da jeden Monat aber neu das Gedinge verhandelt wurde, bakamen wir im nächsten Monat eben für den Meter nur noch 160,00DM
Also, noch mehr Leistung oder weniger Lohn.
Der Meterpreis wurde , innerhalb eines Jahres auf die Hälfte gedrückt.
Es gab Trabbel, wir wurden auseinander gerissen und bekamen neue Aufgaben, und auch getrennte Drittel.

Nun, es wurde anders, aber nicht besser.

Samstag, 21. März 2015

Was mal so an Infos.


Das da vorn war der Ortsälteste mit drei Hauern.
Ich war der Schlepper.
Ich war dem Vorrichtungsrevier 11 (12 ?) zugeteilt.

Nun mal heute etwas Hintergrundwissen.

Das Gedinge:
Untertage wird alles im Gedinge abgewickelt. (Akkord) 
Nebentätigkeiten erledigen Schichtarbeiter. 
(fester Schichtlohn) meist Ältere die verschlissen sind und nicht mehr mithalten können.
Diese machen den Materialtransport nach vor Ort oder halten die Strecken offen durch nachreissen, usw. 
( Wieder neu machen)

Der Schiesshauer bekommt 12 Zehntel.
Der Ortsälteste bekommt 11 Zehntel
Meist ist der Ortsälteste auch der Schiesshauer.
Das hat sich dann in viel späteren Jahren geändert.
Da musste man Schiessmeister werden und meist !!! lief  man dann ausserhalb des Gedinges und musste nur vor Ort schiessen (sprengen) 
Das war eine Sicherheitsmassnahme.
Der Hauer 10 Zehntel
Der Lehrhauer 9 Zehntel
Der Schlepper 8 Zehntel
Vom erarbeiteten Gesamtlohn.
Ich war nun ein "Schlepper".

In der Praxis hiess das.
Strecke auffahren pro meter (damals) 80,00 RM.
D.h. ca. 30 Kubikmeter Gestein bohren, Schiessen 
(sprengen) weg schaufeln, ausbauen. 

Es wird auf 4 Schichten gearbeitet.
Rund um die Uhr. 
Ein Drittel (Bezeichnung für eine Ortsbelegschaft ) übergibt bei Schichtende der neuen,  die dann weiter macht.

Seilfahrt (Anfang) immer um 6,00; 12,00; 18,00; 24,00 Uhr.
Eine Stunde hin und eine Stunde Rückweg untertage, ergab dann 6 Arbeitsstunden vor Ort.


Eine Ortsbelegschaft also war 16 Mann.
Nun war mir auch klar, was das Zauberwort "ausser Gedinge" bedeutete.
Ich wurde als Person nicht auf das erarbeitete Geld angerechnet.
Nur darum hatten die mich auch mit genommen.
Ich war kostenlose Hilfe für die. 
War aber in Ordnung so.
Mehr war ich damals sowieso nicht wert.
Und jeder muss mal klein anfangen.

Hier nun mal eine theoretische Rechnung.
1 meter Strecke aufgefahren
Gleich 80,00 RM.
Aufgeteilt auf die 16 Mann (nur mal überschlägig ) der Verdienst für jeden:
Schiesshauer ( Ortsältester) = 6,00 RM
Hauer = 5,00 RM
Schlepper = 4,00 RM

Der tarifliche Hauerlohn damals betrug: 
10,00 (und was noch) RM die Schicht.
Ich hatte damals pro Schicht!!!! 8,08 RM Brutto tariflich!

Mein damaliges durchschnittliches Brutto Monatseinkommen bei 26 bis 27 Schichten war im ersten Jahr: 
(lt. Rentenabrechnung ) = 245,83 Mark 
Also je Schicht !!!! : 9,53 Mark im Gedinge.

Wir hatten eine 6 Tageswoche.
6 Tage Tarifurlaub
Fehlschichten wurden nicht vergütet.
Bei Krankheit 3 Karenztage (unbezahlt)
Nach 6 Wochen Krankheit Aussteuerung.
Heiligabend, Sylvester usw. waren ganz normale  Arbeitstage.   
Auch auf Nachtschicht !

Und es wurde gearbeitet !!!!
Heiss, staubig, sehr oft nackend, nur in Gummistiefeln, das Hangende (Unverbautes Gestein) über sich.
Gebohrt mit einem Presslufthammer der auf einem Brett lag gegen das man sich stützte um einen Vortrieb zu haben. 
Nach 5 Stunden bohren wusstest du nicht das dein Körper aus Knochen besteht. 
Das war alles nur noch eine durchgeschüttelte Mansche. Hydraulische Bohrsäulen kamen erst sehr viel später. 
Meist wurde auch trocken gebohrt, weil  das Wasser, wenn es überhaupt möglich war, eine zusätzliche Belastung darstellte.
Dafür war alles in eine undurchdringliche Steinstaubwolke gehüllt.

Oder mal locker 6 Stunden ohne Pause gebückt stehen und mit jeder  "Panneschipp" die Steine immer über 1 meter hoch in den Wagen schaufeln
.
Die Eisenbögen des Ausbaus wurden mit der Hand, von den  4 Mann hochgewuchtet.
Da gab es keine Hydraulischen Hilfsmittel.

Wenn ich heute so "Arbeiter" mit ihren Ohrenschützern auf dem Rasenmäher sitzen setze, kann ich im Inneren nur lachen.
Oder ehe sie den Schraubenzieher anfassen, die Schutzhandschuhe anziehen.
Oder von dem Stress eines Bürokraten höre, der mit gleitender Arbeitszeit, stöhnend aus seinem klimatisierten Büro kommt.

Es wurde nicht gearbeitet. 
Es wurde ohne Rücksicht auf den Menschen geschuftet.
Von jedem!!!!!!!!
Jeder gab sein bestes.
Eure Eltern, liebe Leser, haben für Euren heutigen Wohlstand sich den Asch aufgerissen.
Dafür darf ich mir heute täglich diese Scheisse anhören.
" Wir müssen für deine Rente arbeiten gehen "
Für MEINE Rente geht niemand arbeiten.
Dafür habe ICH gearbeitet.
Arbeit als Knochenarbeit, kann sich diese Generation noch nicht einmal im Geiste vorstellen.

Auch nicht diese, ach so gestressten heutigen Mütter, die statt ihren Hausaufgaben nach zu kommen, ihre Kinder in der Kita abgeben  (nicht ohne ihnen vorher was Geld für das Bäckerfrühstück in die Hand zu drücken ) um dann selbst zum Shopping zu fahren, damit sie abends gestresst sind.
Der Erfolg?
Es gibt heute mehr Monster als normale KINDER!

Ich habe damals schon oft gedacht, wenn Frauen gewusst hätten WIE ihre Männer das Geld  verdienen müssen, wären sie anders mit ihren Männern und dem Geld umgegangen.

Meine Erlebnisse in einem Kohlenstoss später mal.

Es kommt Freude auf, wenn man wochenlang nachts um 24 Uhr anfahren muss.
Eine Nachtschichtzulage war unbekannt.

Oder Ende der Seilfahrt morgens 2 Uhr.
Fertig mit Waschen.
Raus auf die Strasse, morgens 3 Uhr.
Im Winter unter der heissen Dusche weg, sofort raus auf die Strasse, beim nach Hause laufen froren die Haare regelmässig zu Eis.
Da erkältete sich niemand.
Es waren eben damals noch Männer, und keine.........

Der Schachtanlage gegenüber war eine Wirtschaft. 
Der "Görtze, Karl."
Dieser hatte die ganze Nacht für die Kumpel auf.
Da erst rein und ein, zwei Bier getrunken. Auch schon mal auf "Puff" Es kann sich niemand vorstellen wie ein kühles Bier nach 8 Stunden Staub und Dreck schmeckt.
Es blieb immer !!! auch nur bei ein oder zwei Stück.
Irgendwie hatte der Mann ein Herz für Bergleute, die ganze Nacht da, um auf die 4-6 Kumpel zu warten.
Denn mehr waren es ja nicht. Also keine Goldgrube.
Heute noch ein Danke schön lieber Karl. 
Egal wo du bist. Für mich aber, im Himmel.

Dann zu Fuss nach Hause. Ca. 2-5 km.
Um 4-5 Uhr ins  Bett fallen, um dann von meiner Ehefrau um 11 Uhr zu hören:
"Willste heute gar nicht aufstehen? Das Essen ist fertig. Der Garten wartet auch noch auf dich." 

Doch nun lasst mich erst mal in Ruhe schlafen.

Freitag, 20. März 2015

erster Alsdorf Kontakt


Eigentlich muss ich nun meine Geschichte splitten.
Der eine Teil hat was mit meinem beruflichen Werdegang zu tun.
Der andere mit meinem Privatleben.
Beide haben zwar nichts miteinander direkt zu tun, 
lassen sich aber auch nicht trennen. 
Ich werde versuchen diesen Spagat zu meistern.

Also zog ich nun eines Tages um.
Hört sich gut an :-))))))))
Das bedeutete, das ich morgens die 
Herzogenratherstrasse 100 verliess, zur Zeche ging, und abends in die Linnicherstrasse 65 zum schlafen ging.
Ich hatte ja nichts, ausser dem was ich am Leibe trug.

Mein Vermieter war Witwer.
Oben im Haus wohnte noch  seine verheiratete Tochter. 
( Brauns, Maria) mit Mann und Sohn.

Herr Brendt war eigentlich ein "Kerl"
Und was für einer.
Grob, rauh aber ehrlich.
Passte mir.

Am ersten abend ging ich nun mal mein neues Revier erkundigen.
Strassenkreuzung.
An der rechten Ecke ein Lampengeschäft.(Dormann)
da etwas weiter, Plum. Eine Gaststätte mit Saal.
Links die Schaufenbergerstrasse. 
Da rein.
Nach 100 metern, links ein Sportplatz, daneben eine Gaststätte. Die gehört eben zu einem Sportplatz. 
Nebenbei bemerkt, die Wirtin war eine exellente Köchin. Aber das erst in viel späteren Jahren zur Kenntnis genommen.
Rechts eine Reihe Zechenhäuser.
Auf dem Platz selbst trainierten etliche Fussballer.
Ich blieb auf der rechten Strassenseite vor  einem Haus stehen und schaute denen da  drüben zu.

Mit einemmal hatte ich das Gefühl, ich wäre undicht.
Warum zum Teufel hatte ich eine nasse Hose und Wasser in den Schuhen?
In diesem Alter schon incontinent ?
Ich war doch auch nicht besoffen?

Dann bemerkte ich es.
Ich stand dicht an der Hauswand.
Aus der kam ein kurzes Stück Rohr raus.
Das war der Abfluss von der Küchenspüle drinnen.
Wenn nun die Hausfrau drinnen was ausschüttete, lief es durch das Rohr auf die Strasse.
Ich stand genau vor der Mündung.
Ein Glück nur, das es nicht das heisse Wasser vom Kartoffel abschütten war.

Alle Häuser hatten die gleiche Entwässerung.
Es gab also hier, im Jahre 1948 noch keine Kanalisation.
Für mich als Städter, unvorstellbar.

Genau wie in  Kellersberg.
Eine Bergmanssiedlung, zwar schon 1906 gebaut, aber bis dato noch keine befestigte Strasse.
Diese wurden dort erst weit nach dem Krieg mit einer Deckschicht versehen.

Man brauchte immer den Bergmann, hielt ihn auch am Leben, aber das war es auch.
Ansonsten, die Anerkennung die er immer verdient hatte, bekam er nie.

Ich staune immer noch, das sich diese Menschen das alles über Jahrzehnte haben gefallen lassen.

Dabei ist dieser Beruf mit keinem anderen vergleichbar.
Ich hatte später öfter die Möglichkeit mal jemand aus der Familie mit nach untertage zu nehmen.
Es haben alle dankend abgelehnt.
Pure Angst !
Doch meine Deputatkohlen, die haben sie immer gern genommen.

Vielleicht war ich auch deshalb ein Aussenseiter in der Familie in die ich dann mal einheiratete ?

Im Moment war mir das piepschnurzegal.

Ich sah Licht am Ende des Tunnels. 

Donnerstag, 19. März 2015

es ging aufwärts


Die Schicht begann.
Verflucht, waren die Wagen leer schon schwer.
Voll erst........
Ich konnte überhaupt nicht so schnell leere ran bringen wie die 4 da vorn die Dinger voll machten.
Sie murrten schon.
Immerhin war ich die Bremse.

Dann passierte es.
Ein Wagen fiel mir vom Gleis.

Ich versuchte ihn wieder rauf zu bringen.
Ich schaffte es nicht.
War er vorn drauf, fiel er hinten wieder runter. 
Dabei war es sogar noch ein leerer Wagen.

Die vorne um Hilfe bitten?
Sagen das ich das nicht konnte?
NIE!!!
Ich riss mir den Asch auf.
Ich habe vor Wut geschrien. 
Diesen verdammten, grosskotzigen Kerlen würde ich es zeigen:
Als dann Gottschalks, Fränz kam um zu sehen wo ich mit den leeren Wagen bleibe, sass ich im Stoss und heulte wie ein Hund.
Das hatte er noch nie gesehen.
Ich heulte vor Wut, das ich es nicht allein packte, 
und mir von diesen Aschlöchern da helfen lassen musste.
Schon meine Mutter hatte diesen Spruch drauf und ich auch :
"Ich mache meinen Kram für mich alleine .
Ich schaffe alles ohne fremde Hilfe"

Fränz zeigte mir dann, wie man mit einem "Steinknüppel" den Wagen wieder auf das Gleis bekam.
Er zeigte mir noch mehr Tricks.

Komisch, von dem Moment an, hatte sich das Verhältnis gebessert.
Das zeigte sich am nächsten Tage, als man mir zu Schichtbeginn sagte: "Du kannst uns ruhig duzen "

Irgendwie hatte ich das Gefühl, die erkennen dich mit einem mal irgendwie an. 
Nicht weil ich besser geworden war, sondern .....
Ach ich weiss es nicht.

Bleiben wir doch gleich bei diesem Drittel.
Ich wurde ins Gedinge mit aufgenommen.

Nach ca. 2 Monaten frug mich Hein, ob ich nicht aus dem Bullenkloster ausziehen wolle?
Sein Vater, hätte ein möbeliertes Zimmer frei,

Nun muss man wissen, das es zu dieser Zeit üblich war, das viele Bergmannsfamilien einen "Kostgänger" hatten.
Das hatte hier Tradition.
Das war bedingt dadurch, das immer mehr Menschen kamen die meist ohne Familie waren.
Die Ansässigen besserten damit auch etwas ihr Geld auf.
Diese Männer ohne Anhang wurden dann auch versorgt.
Essen, Wäsche und oft auch mit mehr.
Dazu sagte man damals  dann : "Volle Kost voll"
Bot sich ja auch an, wenn der eigene Ehemann nicht mehr da oder tot war oder auch nur eine andere Schicht hatte.

Der besagte Vater vom Hein, war ein alter, erfahrener  Bergmann in Rente.
Caspar Brendt.
Generalfeldmarschall der Schützen.
Mit 77 Jahren noch Schützenkönig gewesen.
Allseits bekannt.
Eine Instituition!

(Quelle: Schützenbruderschaft Sankt Hubertus, Alsdorf)

Ich nahm das Angebot an.
Die Miete entsprach dem, was damals üblich war.
10-12 qm gross. Bett, Tisch, Stühle, Kanonenofen.
Heute würde man den geforderten Preis in Relation nicht mehr dafür bezahlen, aber damals war es o.k
(30,00 RM)
Ich wohnte nun auf der Linnicherstrasse 65

Der eigentliche Vorteil dieser Wohnung lag aber darin, das der Hein auf der Zeche sehr angesehen war.
Mit seiner Fürsprache wurde ich bald Lehrhauer und am 25.8.1949 legte ich meine Hauerprüfung ab.
das hiess also, nach 2,5 Jahren Bergmann sein.

Hauerball im Casino Anna.

Die erste Stufe war nun erreicht.
Ich wollte es denen schon zeigen.
Ich habe seit der Zeit nur noch ganz heimlich in meinem Leben geweint.

Die Schichtendurchschnitt stieg bei mir im Monat auf etwa 30 bis 32. (bei 30 Tagen)

Meine Brutto Monatslöhne erhöhten sich  auf:
1948 ( vor der Währungsreform)    = 224,00 RM
1948 ( nach der Währungsreform) = 274,00 DM
1949 = 320,00 DM

Hört sich nicht die Welt an.
Vor allem wenn man überlegt, das eine Amizigarette im Schwarzhandel vor der Währungsreform 
8,00 bis 10,00 RM kostete.

Das wichtigste war:
Vor der Schicht bekam man an der Markenkontrolle ein Butterbrot in die Hand gedrückt, und nach Schicht einen Schlag heisse Suppe.
Das war für mich mehr Wert als das ganze verdiente Geld.

Das Leben begann, zwar mit viel Arbeit, aber doch aufwärts zu gehen.

Von nun an gings bergauf. 
( und wenn es auch nur täglich nach der Schicht war )


Mittwoch, 18. März 2015

Unten liegt das Glück


Am Schacht angekommen, sah ich erst einmal nichts. 
Eine Menge anderer Kumpel stand dort und wartete.
Die Rasenhängebank.

Ein Rauschen, etwas dunkles kam aus einem Loch.

An den Gesprächen und Gesichtern der übrigen sah ich, das war ihr normales Tageswerk.
Manche guckten mich etwas forschend an.
Immerhin war ich einer der ersten, fremden Menschen die nach dem Krieg hier her kamen um untertage zu arbeiten.
Alles anderen kannten sich oder waren verwandt.

Der Förderkorb.
Ein Gestell, 10 Mann da rein, ein Gitter vor.

Man hörte eine Glocke mehrmals anschlagen, und das Ding setzte sich abwärts in Bewegung.  
Es hat mir damals und auch bis heute, nie etwas ausgemacht.
Das Ding ratterte, schaukelte, ich sah nichts weil ich in der Menschentraube stand, dann hielt das Ding an.
Füllort, 360 m Sohle erreicht.

Aussteigen.
Ein paar elektrische Funzeln an der Decke spendeten etwas Licht.
Wo war mein "Hein"?
Der wartete schon mit 3 anderen auf mich.
Kurzes mustern meiner kläglichen Gestalt.
Ein Wortwechsel zwischen den vieren.
Ich begriff nur.
Die wollten mich nicht.
Ich die aber auch nicht !!!!!!!!
Ich bin doch kein manipulierbarer Gegenstand.
Ein Wort nur, und ich wäre auf der Gegenseite eben wieder ausgefahren.
Dann fiel das Zauberwort: "Nicht im Gedinge"
Alles war gegessen.

Wir marschierten los.
Türstockausbau in der Strecke.
Vollkommende Dunkelheit.
Erst noch 2 Schienenstränge im Boden.

Es wurde etwas enger.
Die Lampe immer schwerer.
Mein Kopf machte einige male heftige Bekanntschaft mit den Holzbalken am First.
Damals war der Helm, weiches Leder und kein Hartplastik wie heute.
Der Weg bis  "vor Ort" war ca. 4 km lang.

Hier eine kleine Anmerkung für die "Fachleute"
Zu der Zeit fuhren auf dieser Sohle kleine Dieselloks.
Die Förderwagen waren sehr klein. 
Ca. 0,80 - 1,00 m hoch.
Manchmal blieb die Lok auch am Streckenausbau hängen.
Die Schienenführung meist eingleisig.
Die Lok fuhr auch nur einmal in der Schicht diese Strecke ab und brachte die leeren Wagen nach vor Ort und die vollen zum Füllort.

Dann kamen wir vor Ort an.
Streckenvortrieb nannte man das.
Hier war die Strecke schon richtig gross.
So etwa 6 meter breit und 5 meter hoch.

Wo die Strecke aufhörte, lag eine grosse Menge "Steine".
Dahinter eine Wand aus Stein. Das Ende der Welt.
Davor, auf dem Boden, Blechplatten.
Zwei Schienenstränge.
Auf dem rechten leere Wagen.

Doch zuerst wurde "gebuttert"
????????
Na, etwas vom mitgebrachten gegessen und aus der mitgebrachten Blechflasche was getrunken.
????????
Davon hatte mir vorher niemand etwas gesagt.
Meine erste Schicht also ohne was zu essen und zum trinken.
Und es war warm da vorne. 
Sehr warm!!!
Ich bekam auch nichts von meinen neuen "Kameraden"

Nur, so etwas war ich ja nun seit Jahren gewohnt.
Ich brauche , bis heute, niemanden. !!!!!!
Wer mich kennt, sollte das begreifen.

Wir sassen auf den Steinen (Berge sagt man dazu) ich musste nun Rede und Antwort stehen, man duzte mich, ich durfte SIE zu denen sagen.
Wenn es ihnen Spass machte?
(Brendts, Hein und Gottschalks, Fränz aus Schaufenberg, die anderen zwei habe ich vergessen )

Dann wurde mir meine Arbeit zugeteilt.
Ich musste die leeren Wagen vor Ort schieben, die machten die voll Steine, ich schob den vollen Wagen wieder mit zurück.
Das war die Theorie!!!!!

Sie nahmen ihr "Gezähe" (sprich: Werkzeug) zur Hand.
Schaufeln für jeden der vier.
Solche Dinger hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.
Jedes Schaufelblatt war ca. 50 - 60 cm im Durchmesser.

Da ich nicht zu schaufeln brauchte, war mir das egal.
Ich wendete mich meinen Wagen zu.

Und damit begann das Unglück.

Ich war unten angelangt.

Aber wirklich ganz unten wie es mir dann im Laufe der Schicht auch bewusst wurde.




Dienstag, 17. März 2015

Die erste Schicht


Der Montag war mein Tag.
Da sollte nun alles sich in meinem Leben wenden.
Ich wollte nun endlich Fuss fassen.

Um 4,00 Uhr aufstehen.
Um 5,00 Uhr auf der Zeche sein.
Am Eingang, an einem Schalter das Zauberwort "1715" gerufen, eine Messingmarke mit der eingeschlagenen 1715 in die Hand gedrückt bekommen, und zur Kaue, zum umziehen, gegangen. 
Pünktlich um 5,30 Uhr marschierte ich,  mit vielen anderen, die Treppe zur Lampenstube rauf.

Oben, unter einer grossen Uhr, standen Wesen aus einer anderen Welt.
In schneeweissen Arbeitsanzügen.
Einen glänzenden, geputzten Lederhelm auf.
Ein blauweisses Halstuch um.
Die Arbeitsschuhe hochglänzend.
Um den Hals eine Lampe hängend. (den sogen. Blitzer) 
Und, das wichtigste, einen Stock in der Hand. 
(Bergpickel oder Fahrstock)  
Der Blitzer und der Stock waren das äussere Zeichen ihrer Macht.
Und passte man ihnen nicht, spürte man das am Lohn.
Die "Steiger".

Sagen wir mal, im Normalleben Meister oder Vorarbeiter genannt.
Sie nannten  sich Bergbeamte, trotzdem sie von einem Beamten  so weit entfernt waren, wie ein Rentner von einem Bankier.
Bis heute ist dieser Dünkel von ihnen nicht gewichen.
Aber sie waren in der Hierarchie schon wer.
Doch, doch.
Sie hatten Macht.
Und diese nutzten sie auch weidlich aus.

Etwas abseits stand der Obermontze.
Der absolute Übervater und alleinige Herrscher über Tod und Leben.
Ich weiss heute nicht mehr, ob es an diesem Tag schon mein späterer spezieller Freund war.
(da lässt mich leider mein Gedächtnis im Stich ) .
Der "Obersteiger", mit Namen: Stevens. 
Genannt "dat Gift"  

Ich nun zu dem da hin.
"Hallo, Guten Morgen, mein Name ist Gülde, ich soll mich hier bei ihnen melden"

Die Erstarrung dieses Mannes ob meiner Ansprache, zog sich bis zu den Steigern hin.
Da ich laut spreche, hatten es alle gehört.

Ich wusste nicht warum, ging mir aber wie so oft im Leben völlig am Asch vorbei.
Ich war höflich gewesen. Also ?
Ich begriff damals nicht, das ER mich ansprach wenn ER wollte und nicht ich IHN.      

Er beherrschte sich  sichtlich als er mir lautstark sagte:
"Hier sagt man Glück Auf "

Na gut, wenn er meinte ?
Neues Spiel, neues Glück.
"Glück Auf, mein Name ist Gülde, ich soll mich bei ihnen heute melden"
"Das ist mir Scheissegal wie sie heissen. 
Ihre Markenummer will ich wissen"

Noch ein Versuch. 
Ich wusste im stillen, das es mein letzter war.
Aschlöcher dieser Qualität und Güte hatte ich schon genug in meinem Leben kennen gelernt.
Die Gesichter der vorbeigehenden Kumpel sagten mir genug wie SIE das Spiel aufnahmen.
Ich glaube, auch dieses Oberarschloch merkte so langsam was mit mir los war.
"Glück Auf. Ich bin die Markennummer 1715 und möchte hier arbeiten"
"Dann komm mit."

Der "Herr über alles" ging nun mit mir zu einem der Halbgötter in weiss.

"Hier, den können sie auf Strecke 4.Osten - 360 m/S 
mitnehmen." 

Dieser weissgekleidete guckte  mich an, fasste mir an die Oberarme wo andere Leute  Muskeln  haben und sagte: 
"So was kann ich nicht brauchen" 
Ich war schon beruhigt, das er mir nicht in den Mund auf die Zähne geschaut hatte. 
Das macht man doch so wenn man einen Gaul kauft.
Es entwickelte sich nun ein  kleines  Streitgespräch zwischen den beiden, was logischerweise der Allvater gewann.

Nun stand ich da neben meinem Steiger.
Es kam ein kleinerer Bergmann die Treppe rauf.

"Hein, hier haste was zum mitnehmen " 
( Brendts, Hein - Schaufenberg )
Kurzer Blick zu mir.
"Kann ich nicht brauchen"
"ER meint , er soll zu dir. Läuft nicht auf dem Gedinge"

Das muss ein Zauberwort gewesen sein.
Der Kleine nickte mir kurz zu und marschierte los.

Ich trottete hinter meinem neuen Leithammel her.
Zur Lampenstube.
"1715" die Marke hingelegt, und man knallte mir ein Monstrum von Lampe auf die Theke. 
Dann mit dem "Hein" den weiteren Weg zum Schacht.

Also , erst einmal ging es bergab mit mir statt bergauf.