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Dienstag, 8. Mai 2018

Eine Berliner Kneipe


Natürlich hatten wir auch Gaststätten.
Berlin ist berühmt dafür.
Und was für welche und in welcher Menge.
Da es in Berlin, bis heute , keine Sperrstunde gab und gibt, waren die immer voll.
Es gab reine "Bierstuben."
Daneben aber auch „Fresslokale.“
Diese letzteren schlachteten oft selbst und boten warmes Essen dann an.
Immer deftig und sehr gut gewürzt. 
Letztendlich wollte man ja auch Bier verkaufen.
Ein paar Häuser neben uns war so ein Bierlokal.
"Bössler" mit Namen.
Dort ging ich jede Woche hin und holte Wurstbrühe in der Milchkanne.
Kostete nichts.
Und da ich schon immer ein beliebtes Kerlchen war, wurde auch schon mal ne angeplatzte Leber- oder  Blutwurst rein gelegt.
Diese fischte ich meist schon unterwegs wieder raus. 
Die Finger wurden an der Hose abgewischt.
Na und?

Imposant war es, wenn neues Bier von „Schultheiss-Patzenhofer“ angeliefert wurde.


(Bildquelle: Erratik Institut, Berlin.
Stammt aus der Nachkriegszeit, die vor dem Krieg waren größer und hatten keine Gummiräder)

Ein riesiger Leiterwagen.
Vollgepackt mit Bierfässern.
Auf dem Kutschbock zwei Hünen von Männern.
Beide in weisser Kleidung mit Ledermütze und Lederschürze.
Vor dem Wagen 4 - 6 !!! Pferde. Kaltblüter.
Schlimm  nur, wenn es etwas später wurde und die beiden Bierkutscher nach dem Abladen noch sich etwas gelabt hatten.
Die Peitsche knallte dann und die Rösser gingen hoch.
Mit Hufeisen auf Kopfsteinpflaster.
Denn die Karre war schwer und musste erst einmal ans laufen kommen.
War schon was, wenn dieser riesige Wagen, vier- oder sechsspännig, mit zwei riesigen Kerlen  da oben und geschwungener Peitsche über die Strasse rollte.
Leider wurde "Bössler" dann mal ausgebombt.
Ein Neuanfang wurde zwar gemacht, aber da ging der Krieg auch bald zu Ende.
Ich  weiss nicht, was draus geworden ist. 

Es gab auch reine Esslokale.
Aber diese waren für Leute die mehr Geld als wir hatten. 

Aber eine Institution sollte trotzdem nicht vergessen werden.
„Aschinger“
Diese Firma war eine Legende.
Auch ein Fresslokal, aber der Fokus lag auf dem Essen.
Viele Filialen.
Gutes Essen und vor allem billig!
Das schönste daran war, auch für mich, aber etwas anderes.
Es waren meist Stehtische.
Das Standardessen war Erbsensuppe.
Auf jedem Tisch stand ein Korb mit Brötchen.
Dieser wurde laufend neu aufgefüllt.
Diese Brötchen waren kostenlos und jeder konnte sich damit bedienen so viel er wollte.
Da ich immer Hunger hatte, zu Hause war nicht immer was da, lief ich öfter zum Stettiner Bahnhof zu Aschinger.
An die hohen Tische kam ich nicht dran.
So also, jemanden am Rock gezupft, der gab mir dann ein oder zwei Brötchen runter und der Tag war gerettet.
Wenn ich so heute überlege, geschah das in der Woche bald jeden Tag mal.
Das war vor allem legitim.
Denn der Besitzer hatte das als Leitlinie für seine Geschäfte fest gelegt.
Der mehr Geld hat, zahlte damit für den der weniger hatte. 
Nebenbei bemerkt, er war auch ein grosser Nazi.
Scheisse, wieder einer dieser ganz „pösen“.

Dann aber gab es noch viele Destillen.
Das waren Kneipen, mit einer langen Theke, vor denen man stand und hochprozentiges trank.
Meist Fusel
Korn und Kümmel waren angesagt
Das Glas anfangs noch nen Sechser.
Später mehr.
Hier versoff mancher Familienvater das Wirtschaftsgeld der kommenden Woche.
Es stank immer nach Schnaps dort beim vorbei gehen, war aber nun auch ein Zeichen der damaligen Zeit.
Manch einer brauchte das eben.
Mit Beginn des Krieges verschwanden diese Kneipen diese immer mehr.