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Donnerstag, 3. Mai 2018

"Mutta, ick hab Hunger"


Ach ja, wie oft habe ich das gerufen.

In Berlin lebten damals über 4 Millionen Menschen.
Klar, gegenüber heute, was man so in anderen Ländern liest, eine Kleinstadt.
Damals war es aber eine der grössten Städte.
Und all diese Menschen mussten auch versorgt werden. 
Und auch diese Art war eine andere als heute.
Allein durch die Verkehrsmittel damals. 
Zum Teil Kopfsteinpflaster, Pferdefuhrwerke und auch Autos.
Nun ein Lastwagen war damals das, was heute ein SUV ist.
Und darum gab es z.B. innerhalb Berlins auch eine Unzahl von Bauernhöfen. 
Wer weiss das heute noch? 
Diese waren meist in den Hinterhöfen der Wohnhäuser untergebracht. 
Sie hatten Milchkühe. So an die 5-10 Stück. 
Ich konnte am Hinterfenster im Nachbarhaus auf einen herab schauen.
Also, auch Stadtkinder wussten damals schon, im Gegensatz zu heute, das die Milch von einer Kuh stammt.
Dort wurde abends gemolken und man ging, mit einer Milchkanne bewaffnet, sich seine 1 oder 2 Liter frische Milch holen.
DAS war Milch und nicht diese weisse Flüssigkeit die man mir heute verkauft.
Ich muss einen  halben See mit Milch leer getrunken haben.
Diese Milch wurde roh getrunken und was nicht gebraucht wurde, war am nächsten Tag sauer.
Versuchen Sie mal das heutige Gesöff zum „sauern“ zu bringen.
Ich wette jede Summe, Sie schaffen es nicht.
Die heutige Plärre kann man bis zu einem Jahr aufbewahren und danach schimmelt sie.
Aber sauer, wird sie nie!
Dazu kommt heute noch, das diese Flüssigkeit heute auch zu 95% in undurchsichtigen Plastikbehältern ist.
Da sieht man sowieso nicht wie es da drinnen aussieht.
Wetten, das mancher schon verschimmelte weisse Brühe getrunken hat ohne es zu wissen? 

Doch zurück zur damaligen Milch.
Wenn diese nun sauer war und damit verdickt, wurde sie von meiner Mutter in ein Sanitastuch gefüllt, oben verknotet und an den Hahn der Wasserleitung über dem Abfluss gehängt.
Spülbecken gab es damals noch nicht.
Das Sanitastuch wurde extra dafür gekauft.
Ansonsten diente es nämlich den Säuglingen am Popo, es wurde dann gewaschen und wieder benutzt.
Wir kannten damals das Wort Umweltschutz nicht, aber waren mit Sicherheit umweltbewusster als die heutige Generation.
Wenn ich so an diese heutigen Pampers denke.
Allein die Herstellung dieser und deren Entsorgung.
Dann die verbrauchte Menge und wie lange.
Früher war eine Mutter stolz, wenn ihr Kind sauber bzw. trocken war. 
Heute laufen  die Kinder ja bald noch bis zur Einschulung mit ihrem in Kunststoff verpackten Arsch herum.

Doch zurück zur Milch.
Die Sauermilch verlor das Wasser und nach einem Tag hatte man den herrlichsten Quark der Welt.
Naturrein, ohne Chemie und billig.
Ich esse heute noch täglich meinen Quark.
Nur leider kann man keinen mehr selbst machen und ich muss diesen künstlichen Chemiebrei essen.
Auch etwas, dem  ich nachtrauere.

Diese Milchbauern in den Hinterhöfen holten ihr Heu von irgendwo her.
Ich weiss es nicht.
Aber sie kamen mit einem Leiterwagen und zwei Pferden davor jede Woche einmal.
Immer wenn sie kamen hörte man das wenn sie durch den Hausflur fuhren am rumpeln der mit Eisen beschlagenen Holzräder.
Das war das Signal.
Runter und beim abladen helfen
Der Geruch des frischen Heues ist einmalig.

Doch wie komme ich nun von der Milch auf die Überschrift?
Nun, ein kleines !!!! Berliner Wohnhaus wie unseres z.B., hatte ein Vorderhaus und einen Seitenflügel.
Daneben hatte andere Häuser noch ein Quergebäude.
Dieses konnte sich nun mehrere male wiederholen. 
Fünf oder 10 mal . Immer entstand ein kleiner Hof und damit eine neue eigene Welt.
Das Vorderhaus war die Strassenseite mit einer Tordurchfahrt.
Der Seitenflügel dann nach hinten rechtwinklig angebaut.
Dadurch ergab sich, in Verbindung mit den Nachbarhäusern ein kleiner Hof. 
Hier standen die Mülleimer, die obligatorische Teppichklopfstange und es war der Spielplatz der Hauskinder.
Unser, kleines, Haus hatte 54 Mietparteien, andere gut und gerne auch 250 Familien. 
Also gab es in jedem Haus immer mindestens so an die 20 Kinder.
Diese spielten auf dem Hof weil es auch ungefährlich war und die Mütter ihre Kinder mit einem Blick aus dem Fenster immer im Auge hatten. 
Hatte man Hunger, rannte man nicht die 3 oder 4 Stockwerke rauf, sondern schrie:
„Mama, habe Hunger, werfe mir ne Stulle runter“
Dieses geschah postwendend.
Je nach Wochentag mit Schmalz, dann mit Marmelade und dann mit Margarine. (anfangs der Woche war noch Geld da, Donnerstags weniger, denn am Freitag bekam Papa Lohn) 
Diese Stulle wurde dann in eine Zeitung gewickelt und flog im hohen Bogen aus dem Fenster in den Hof.
So hatte man keine Zeit verloren.
Denn auch die war damals kostbar.
Vor allem wenn man am spielen war.

Morgen vielleicht etwas mehr.


(Ich arbeite hierbei meine Jugend auf und manches kehrt in meine Erinnerung zurück.)