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Samstag, 5. Mai 2018

Wie wir wohnten


Wohnungen in Berlin.
Auch so ein Thema.
Es gab welche, aber es herrschte immer Mangel. 
Alles strömte ja nach Berlin.
Dort versprach sich jeder das große Glück zu machen.

Doch es gab es schon einige Unterschiede im Wohngebiet.
Reine Arbeitergegenden wie Wedding, Moabit und reine gehobene Gegenden wie Charlottenburg und dann die Villengegenden wie Dahlem.
(obige nur als Beispiel. Es waren weitaus mehr) 
Zwischen all denjenigen bestand so gut wie kein Kontakt. 
Da lagen Welten zwischen.
Ich wurde in einer Arbeitergegend gross.
Im Wedding. Man nannte ihn auch den "Roten Wedding"
Ich glaube so etwas prägt einem für das ganze Leben.

Es gab z.B., Anfang der 30er Jahre, viele Menschen die ohne ohne Arbeit waren und damit auch kaum Geld hatten. 
Dieses heutige Paradies, wo man auch ohne Arbeit gut leben kann, war völlig unbekannt.
Das änderte sich erst mit der Machtergreifung durch 
Adolf Hitler.
Statt 6 Millionen Arbeitslose gab es zwei !!!! Jahre später nur noch etwas unter 2 Millionen. 
Der Verdienst war nicht hoch, aber wenig ist mehr als nichts.

Aus diesem Grunde gab es auch viele „Trockenwohner“
Das waren Menschen, die nach Fertigstellung eines Wohnhauses in dieses einzogen. 
Meist mit ganz geringer Miete.
Früher wurden alle Häuser von Maurern mit Ziegelsteinen per Hand gemauert.
Die Gerüste waren aus Leitern und Brettern
zusammengebunden und waren dann 4-6 Stockwerke hoch.
Kräne waren unbekannt.
Jeder Stein und jedes Körnchen Sand mußte auf der Schulter hochgetragen werden.
Die Menschen, die von morgens bis abends das Material, in Holzpantoffeln, nach oben trugen, nannte man "Hucker"
Auf der Schulter ein Brett und darauf ca. 15 Ziegelsteine gestapelt. Eine Hand an der Leiter, eine Hand am Brett.
Dementsprechend auch die Zahl der Arbeitsunfälle.

Diese Bauweise, des von Hand mauerns, führte zwangsläufig zu einem hohen Wassereinsatz.
Dadurch waren alle Neubauten triefend nass.
Ehe man diese Wohnungen nun regulär vermieten konnte, wurden diese Wohnungen an mittellose oder arme Menschen, zu einem kleinen Preis, vermietet. 
Diese durften dann 1 bis 2 Jahre darin wohnen. Zentralheizungen gab es damals noch nicht, also wurden da Kanonenöfen oder aber auch, wie in Berlin üblich, die zur Wohnung gehörenden, fest eingebauten, Kachelöfen und Herde benutzt. Durch die Wärme und Bewohnung trockneten die Häuser langsam aus.   
Der Erfolg war aber auch eine über Durchschnitt erhöhte Zahl von TBC Kranken in Berlin.
Doch das nur nebenbei.
Zu jeder Wohnung gehörte, wie schon erwähnt, ein Kachelofen und ein gemauerter Herd.
Damit war immer das Problem von Heizung und Kochen gelöst.
Denn, Berlin war und ist eine Stadt die auf Gas statt Strom gesetzt hat.
Zu meiner Zeit bestand  die gesamte Strassenbeleuchtung aus Gaslaternen.
Auch heute noch  sind Tausende davon in Betrieb.
Also hatte jede Wohnung auch einen Gasanschluss und meist auch noch zu dieser Zeit Gasbeleuchtung.
Elektrobeleuchtung kam erst viel später auf.
Um nun die entstehenden Verbrauchskosten ein zu treiben, waren die Zähler alle mit einer Uhr ausgestattet.
Man warf eine Münze ein, und bekam dafür eine bestimmte Menge Gas oder Strom. 
War kein Geld da, war eben alles duster.
Dann wurde die gute alte Petroleumlampe angezündet. 
Dumm nur, wenn das Essen halb fertig war und man kein Geld mehr hatte um Energie nach zu ordern. 
Darum war eben auch in jeder Wohnung an der Wand ein Haken an dem eine Petroleumlampe hing.

Die Stromzuteilung per Münzautomat fiel dann als erstes weg.
Warum? 
Na, Adolf Hitler wollte das Radio unter das Volk bringen.
Wer weiß schon, das es in meiner Jugend kaum Radios gab?
Dafür aber Transistordetektoren mit Kopfhörern.
Das alles abends unter der Bettdecke.
Man mußte nur den Draht auf dem Kristall in die richtige Position bringen , dann kam sogar Musik raus.

Man konnte also nun ein Radio beantragen und zahlte dafür jeden Monat mit der Lichtrechnung ein oder zwei Mark ab.
Lichtrechnung ist schon richtig, denn andere elektrische Geräte hatte man nicht und gab es auch nicht.

Die Toiletten waren immer auf halben Treppenabsatz und waren für zwei oder vier Familien bestimmt.
Zwar schon mit Wasserspülung, aber im Prinzip ein Brett mit Loch und Deckel. Toilettenpapier war unbekannt, aber dafür hingen immer zurecht geschnittene Zeitungsseiten an einem Draht an der Wand.
Ging auch, hatte nur drei Nachteile.
1.) Im Winter war es dort eiskalt, 
2.) wenn man mal ganz schnell musste und es besetzt war, war im wahrsten Sinne des Wortes die Kacke am dampfen.
3.) das schlimmste aber war, wenn man auf dem zurecht geschnittenen Zeitungsabschnitt  etwas interessantes zum lesen gefunden hatte und die Fortsetzung fehlte weil der Vorgänger diese für hinterlistige Zwecke schon verbraucht hatte.
Man sieht, sogar das Kacken war nicht ganz so einfach.

Manche Wohnungen waren auch umgebaute ehemalige Fabrikräume.
Diese waren zwangsläufig sehr hoch und damit sehr schlecht heizbar.
Dafür waren die Räume aber sehr gross.
Daraus resultierten dann auch  zu 80% Zweiraumwohnungen. 
Küche und Stube. 
Küche war kochen, essen  und Aufenthaltsraum und die Stube gutes Zimmer und Schlafraum für Eltern und Kinder.
Es gibt auch in Bezug auf Grösse den allgemeinen Begriff „Berliner Zimmer“  heute noch.

Mein Vater verdiente, nach seiner Arbeitslosigkeit in der Woche ca. 35,00 RM netto als Dachdecker und die Miete betrug im Monat (kalt) 33,35 RM  
Diese Arbeit hatte er nur bekommen, weil er in die NSDAP eingetreten war.
Ich bin ihm heute für diesen Entschluss noch dankbar.

Wenn ich heute zurück blicke, ich finde es war trotz allem eine schöne Zeit.
Ich hatte als Kind nichts vermisst, weil ich es nicht anders kannte.
Und, das Leben um mich herum war interessant!