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Freitag, 14. Oktober 2016

Der Eschweiler Bergwerks Verein und ich. (22)



Ganz anders sah es in der Kohlegewinnung aus.
Ein Streb war bis zu 200 Meter lang.
Die durchschnittliche Mächtigkeit (Dicke) lag bei 80-100 cm.
Ich habe aber auch im Streb bei weit weniger Mächtigkeit gearbeitet.
6 Stunden in einer Höhe in der man nicht sitzen konnte, sondern nur liegend seine Schicht verbrachte.
Dafür gab es nun aber keine Zulage, das war eben so.

Es bestand ein leichtes natürliches Gefälle von der Kopfstrecke zur Bandstrecke. 
Dort wurden jeweils viereckige Holztürme ( Stapel) errichtet um den Aus-und Eingang ab zu stützen.
Diese wurden nach jeder Schicht "geraubt" (versucht zu entfernen) um sie
 2 Meter weiter neu auf zu bauen.

Im Streb selbst  lag eine "Rutsche"
Das war ein ca. 60 breites, vertieftes Eisenblech von 2 Meter Länge.
Diese "Rutschenbleche" wurden endlos zusammengesteckt.
Jedes hatte 2 Rollen unten.
Diese kamen auf ein Stück Winkeleisen.
Unter diese Blechschlange wurde oben, an  der Kopfstrecke, ein Motor in das Liegende eingegraben, der mit Pressluft angetrieben, die ganze Schlange ca. 30 cm anzog um sie dann mit einem Ruck wieder zurück zu stossen.
Durch diesen Ruck, rutschte alles nach unten.
Auch die Kohle die die Bergmänner dort rein schaufelten.
Der offizielle Name: "Rutschenstreb" 

Das das eine ziemlich wackelige Angelegenheit war, ist logisch.
Der "Rutschenbaas" sauste darum die ganze Schicht durch den Streb, um sofort Schwachstellen zu beseitigen.
Denn eine Panne, und der ganze Streb stand still.

Am Ende der Rutsche war ein Gummiförderband welches die Kohle dann zur nächsten Ladestelle in die Waggons transportierte.

Jeder Bergmann bekam seine laufenden Meter nach Wunsch.
Da der Ausbau immer mit  2 Meter langen Schalhölzern  eingebracht wurde, war am Schichtende die Kohlenfront also zwei Meter weit von der Rutsche weg.
Die Nachtschicht baute nun diesen ganzen Lindwurm wieder an die Kohlenfront bündig an.
Am nächsten Morgen begann das ganze wieder von vorn.

Der "Alte Mann", also das abgebaute Teil, wurde im Bruchbau betrieben.
Also einstürzen lassen.
Wenn es nicht von allein einstürzte, wurde des Nachts das Hangende herunter geschossen.
Das war dann die Ursache für die übertage Grubenschäden.

Meter nach Wunsch?
Das lag im Können und Wollen eines jeden einzelnen begründet.
Für jeden  Meter Kohle den man abgebaut hatte und den Ausbau einbrachte,  gab es eine bestimmte Menge Geld. 
"Das Gedinge" eben.
Wenn man gut drauf war, frug man sich eben ein oder zwei Meter mehr.
Wichtig war nur, das am Schichtende auch alles raus war!
Probleme gab es nun, wenn jemand, aus irgendwelchen Gründen, während der Schicht ausfiel.
Diese Meter mussten dann von den nebenan arbeitenden Bergmännern zusätzlich gehauen werden.
Egal ob er wollte, konnte oder nicht.
Ein Verweigern führte dazu, das am nächsten Tag der " Baas" ihm eben weniger Geld für seine eigenen Meter gab.
Das nennt man eben "freiwilliger Zwang"

Natürlich bekamen die diese Meter auch zusätzlich bezahlt.
 Niemand redete einem rein.
Man hatte es selbst in der Hand sein Geld zu verdienen.
Aber auch seine Knochen zu schützen.
Denn  ein Berg ist immer in Bewegung und drückt.

Es waren in einem Streb etwa 40 Kohlenhauer gleichzeitig am Werk.
6-7 Stunden auf den Knien ohne Schutz.
Auf dem Steinboden.
Bevorzugte Krankheit: Schleimbeutelentzündung. 
Kein aufstehen und recken möglich.
Dazu sein Gezähe (Werkzeug) einschliesslich des Pickhammers  und eines Pressluftschlauches.
Knochenarbeit per exellenz.
Jeder Bergmann hat für seinen Lohn hart arbeiten müssen.

Die Kohle, wie gesagt, lief dann eine lange Bandstrecke auf einem Förderband, um letztendlich an der "Aufgabe" in einen Waggon zu fallen.
Waren dann 50-60 davon voll, transportierte eine Diesellok diese Wagen zum Füllort (Schacht) 

Dort auf den Korb aufgeschoben, gen Übertage.
An einem langen Band wurden dann die Berge (Steine) geklaubt.
Denn verwenden kann man eben nur Kohle und keine Steine.
Dieses Band diente während der Kriegsjahre und  auch noch nach Kriegsende, unzähligen Bergmannsfrauen als Arbeitsstätte.
Diese Frauen "klaubten" von diesem " Bergeband" mit ihren Händen die Steine aus den Kohlen..
Sie  verrichteten genau wie ihre Männer,  eine sehr harte Arbeit.
Anschliessend waren sie genau so schwarz wie ihre Männer.
Sie hatten eine kleine extra Kaue.
Später wurde es die Jugendkaue.

Auch von dieser Art der Beschäftigung hört man heute kaum ein Wort.
Warum werden diese Menschen nie erwähnt?
Alles schon vergessen?
Es waren doch eure Grossmütter!

Ich glaube die heutigen "Damen" können es sich noch nicht einmal vorstellen, wie ihre Mütter und Grossmütter im Bergbau ihr Geld  verdienen mussten.
Später gab es dann eine Kohlenwäsche die diese Arbeit, auch effizienter, erledigte.

Von den Kindern und den armen Pferden untertage möchte ich an dieser Stelle  nichts sagen, da ich es selbst nicht mehr erlebt habe.
Trotzdem gehört es zum Bergbau.
Die Pferdeställe waren noch völlig intakt als ich meine ersten Schichten verfuhr.

Mal etwas privat: ich habe selten so viel Formulierungsprobleme gehabt, wie heute hier. Es ist gar nicht so einfach, Dinge zu beschreiben das sie ein Laie auch versteht.
Darum bitte ich um Nachsicht.
 Auch bei der Wortwahl, bei der ich immer versuche sie allen verständlich zu machen.